Ich erzählte ihm, dass ich mich nach über dreißig Jahren Berufstätigkeit in der Elektro- und Kommunikationsindustrie entschieden hätte, etwas Neues zu beginnen und mich selbstständig zu machen. Viele Jahre Erfahrung im strategischen und operativen Partner Management legen nahe darauf aufzusetzen. So beschrieb ich die Idee, zusammen mit vier Köpfen aus vier anderen Erfahrungsbereichen Hands-on Consulting und „Practice Sharing“ anzubieten.

Mein Gegenüber – etwa Mitte Dreißig – hörte mir aufmerksam zu. Doch als ich geendet hatte, schien er zu zweifeln:

„Du gehörst also zur Old-Economy?“

Schmunzelnd fragte ich zurück, ob er damit etwa „von gestern“ meine und ich mich nun beleidigt fühlen solle.

Bedeutet „Old-Economy“ also „von gestern“? Oder ist der Zusammenstoß einer alten mit einer neuen Ökonomie so etwas, wie in den späten Sechzigern der Clash zwischen spießigem Establishment und linken Revoluzzern?

Geht es gar um eine Weltanschauung, also eine nahezu religiöse Frage? Das allein heilsbringende Silicon Valley mit seinen stets sonnigen Erfolgsstorys versus miefiger Nachahmungsversuche ewig hinterher hinkender Europäer, die es ja doch nicht raffen würden? Gemeinhin herrscht scheinbar unter jungen Unternehmern auch die Annahme, Old- Economy wäre gleichzusetzen mit all dem, was eben nicht eCommerce oder App-Entwicklung sei. Doch das ist ein Trugschluss, und mein Gegenüber und ich waren uns dann schnell einig, dass eine andere Definition viel mehr Sinn macht.

Demnach sollte man mit Old-Economy ursprünglich all jene Unternehmen bezeichnen, die schon seit vielen Jahren existieren und ihr Geschäft auf Basis sich wiederholender Geschäftsprozesse führen und bilanzieren. Diese Prozesse gehorchen den operativen Erfordernissen, die das jeweilige Produkt- oder Dienstleistungsportfolio mit sich bringt. Diese Old-Economy hat Personalabteilungen, Vertriebe, Produktion, Marketing, Logistik und Exportkontrolle, Kaufmann- bzw. frauschaft, Betriebsräte und manchmal sogar auch Sicherheitsbeauftragte.

Dem hingegen sollte man heute unter der New-Economy die unzähligen StartUps und jungen Unternehmern verstehen, bei denen die Realisierung der Geschäftsidee, die Beschaffung des Anfangskapitals und der Zugang zu den Märkten im Vordergrund stehen. Ihre Organisation bedeutet aber vielfach „jeder-macht-alles“. Also keine Personalabteilung, Vertriebe, Sicherheitsbeauftragte, und dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein eCommerce-, ein Tech-StartUp, um einen Dienstleister oder ein junges Fashion Label handelt.

Doch wenn ein Unternehmen dieser New-Economy wachsen will, kommt es um die klassisch durchstrukturierte Unternehmensorganisation nicht mehr herum. Es wird Entscheidungen über die eigene Wertschöpfungskette treffen – selbst machen, oder einkaufen –  und Investoren überzeugen müssen. Kurz: Es mutiert peut-á-peut zu einem Mitglied der Old Economy.

Diese Jungunternehmen sind die Arbeitsplätze schaffenden Metaboliten der New-Economy, die nun für die Old-Economy interessant werden, weil sie als zuverlässige und zukunftssichere Vertragspartner in Frage kommen. Gleichzeit bestehen ihrerseits aber Berührungsängste gegenüber dem Establishment, weil sie befürchten, ihre unternehmerische Kreativität und Freiheit zu verlieren.

Doch viele mittelständische Unternehmen, die sich aus der Zusammenarbeit mit einem geeigneten StartUp einen Innovationsschub – frisches Blut – erhoffen, tun sich schwer, den richtigen Partner zu finden. Einerseits aus Angst vor dem „jugendlichen Chaos“, aber auch aus der Sorge, aufgrund fehlender Nachhaltigkeit und Stabilität das knappe „Venture Capital“ des 50-köpfigen Familienbetriebes in den Sand zu setzen.

Old und New Economy sind ihrer Konstitution nach also keine Kontrahenten. Das Potential aus tausenden StartUps und abertausenden Mittelständlern muss nur erfolgreich verknüpft werden, um neue Wirtschaftskraft zu entwickeln, viele Arbeitsplätze zu schaffen und den Wirtschaftsstandort Berlin noch attraktiver zu machen. Dann wird vielleicht aus „Made in Germany“ mal „Innovation made in Germany“ werden.

Und in einem waren wir uns sofort einig. Unsere StartUp-Szene ist gerade deshalb so kreativ, weil sie längst multi-kulti ist oder gar nur deshalb funktioniert. Ich habe noch kein einziges StartUp kennengelernt, dessen Team allein einer Nation oder nur einem Kulturkreis angehört. Die multikulturelle Zusammenarbeit ist erfolgreiche Praxis und vielleicht gerade die Quelle dieser enormen Kreativität. Dies in den Mittelstand zu tragen, wird gewiss auch helfen, die Integrationsnotwendigkeiten und den Fachkräftemangel in unserem Land noch besser zu meistern.

Ich bedanke mich bei meinem ungenannten Gegenüber und bei Berlin Partner für die Empfehlung.

Klaus Krause